Portrait Kerstin Liebelt

Stille Wasser sind Tief

Kerstin Liebelt will in den Landtag. Wir treffen uns an einem sonnigen Mittwoch mitten in ihrem Wahlkreis. Die Sonne scheint, es ist heiß. Wir setzen uns in ein Straßencafé. Es ist Mittagszeit. Am Tisch neben uns beginnen ein paar Männer Bier und Schnäpse zu trinken. Ich sage zu ihr, dass ich es traurig finde, wenn Menschen schon mittags das Saufen anfangen. Sie antwortet: „Ich auch, aber man muss sich auch immer fragen, welche Geschichte dahintersteht.“

Kerstin Liebelt ist nicht schnell mit einem Urteil bei der Hand. Sie hinterfragt die Dinge. Heute möchte ich mit ihr herausfinden, warum sie für den Landtag kandidiert. Ich will mehr über sie und ihr Leben erfahren. Ich will wissen, ob sie genug erlebt hat, um eine Volksvertreterin zu sein.

Eine glückliche Kindheit

Die Geschichte von Kerstin Liebelt beginnt in Recklinghausen. Dort wurde sie geboren. Ihr Vater ist Marineflieger und stationiert in Kiel. Ihre Mutter zieht dem Vater kurz nach ihrer Geburt mit den Kindern hinterher. Gerade, als man beginnt, sich in Kiel einzuleben, wird der Vater erneut versetzt. Ein Problem, das viele Soldatenfamilien nur zu gut kennen.

Die nächste Station heißt Westerland auf Sylt. Auch dorthin folgt die Familie dem Vater. Liebelt erlebt dort eine glückliche Kindheit und Jugend. Die Eltern haben großes Vertrauen in die Kinder. Morgens gehen sie raus in die Natur. Die kleine Kerstin liebt es zu klettern. Bis hoch auf eine Pappel, weil man von dort bis ganz in die Ferne über das Haus hinweg bis zu den Dünen sehen kann. Erst abends kommen die Kinder nach dem Spielen wieder nach Hause. Eine Freiheitsliebe, die für Liebelt prägend bis heute wird.

„Ich habe meine Töchter auch so großgezogen. Mit einer großen Freiheit, die viele andere Kinder leider nicht hatten. Mich macht es traurig, wenn Kinder heute nicht mehr allein zum Spielplatz dürfen.“ Aber Freiheit muss auch bei Liebelt Grenzen haben.
„Man muss klar vereinbaren, bis wohin. Innerhalb dieser Grenzen herrscht Freiheit, aber die Grenze gilt. So will ich auch unsere Gesellschaft organisieren.“

Auf den ersten Blick finde ich diesen politischen Ansatz richtig, aber auf den zweiten Blick erscheint er mir auch naiv. Kann eine Kindheitserfahrung wirklich der Kompass für unsere Gesellschaftsordnung sein? Bei Liebelt erscheint mir das alles so einfach. Hat sie nie erlebt, dass man auch auf Widerstände und Probleme stoßen kann?

Ich möchte es wie sie machen. Nicht zu schnell mein Urteil fällen, sondern erst erfahren, was dahintersteht. Daher frage ich sie genau zu meinem Zweifeln.

Der Gesichtsausdruck von Liebelt verändert sich. In das fröhlich-freundliche Lächeln mischt sich eine tiefe Ernsthaftigkeit. Sie sagt: „Freiheit alleine reicht nicht. Manchmal brauchen wir auch Schutz und Hilfe.“

Was sie mir nun erzählt, macht mich sehr nachdenklich.

„Wenn Du krank wirst, hilft Dir Freiheit nicht weiter.“ Liebelt hatte nach dem Abitur begonnen, Volkswirtschaft zu studieren. Als sie ihr Diplom machte, hatte ihre Mutter schon Krebs. Jeden Tag ging es ihr schlechter. Liebelt war hin- und hergerissen zwischen der Notwendigkeit, ihre Diplomarbeit zu Ende zu schreiben und dem Wunsch, mehr Zeit mit ihrer Mutter zu verbringen. Schließlich schafft sie es doch, die Arbeit zu beenden. Voller Stolz rief sie ihre Mutter an, und sagt ihr: „Mama, die Diplomarbeit steht.“ Die Mutter freut sich und stirbt in der folgenden Nacht. „Ich bin mir sicher, sie hat darauf gewartet. Dann konnte sie gehen.“

Ich schaue in Kerstin Liebelts Gesicht. Eine ernsthafte Frau, die sich Zeit nimmt, einen Gedanken zu formulieren. Ihre Sätze brennen sich in meine Gedanken ein.

Damals zog sie zu ihrem Vater. Sie wollte ihn nicht alleine lassen nach dem Tod der Mutter. Kurz danach verschlechtert sich auch der Gesundheitszustand des Vaters. Auch er hat nicht mehr lange zu leben. „Auch, wenn man es nicht verstehen kann, es war leichter. Mein Vater und ich wussten, wie es ist, wenn ein geliebter Mensch stirbt. Wir konnten darüber reden und alles vorbereiten. Nach einem halben Jahr war ich alleine.“

Liebelt ist damals gerade einmal 26 Jahre alt.

Weiterleben

Liebelt lebt weiter. „Ich bin vom Typ her so, ich mache weiter.“ Das Leben fühlt sich für die junge Frau damals dumpf an. Wo jetzt ihr Platz ist, weiß sie nicht so genau. Sie nimmt einen Job an im Außendienst bei einer Firma für Großkopierer. Sie lebt jetzt irgendwo in Schleswig-Holstein. Zuhause ist das nicht. Für Liebelt ist nicht klar, wofür sie lebt.

Sie macht ihre Sache so gut, dass ein Kollege sie schließlich fragt, ob sie nach Hannover kommen will, um dort Verkaufstrainerin zu werden. Nichts hält sie in Kiel, und darum willigt sie ein.

In der Region Hannover beginnt sie, sich langsam wieder ein Zuhause aufzubauen. Sie lernt ihren heutigen Mann kennen, sie heiraten und bekommen eine Tochter. 1999 zieht die Familie schließlich nach Arnum, die zweite Tochter wird geboren, sie werden dort sesshaft. „Damals hatte ich für mich den richtigen Ort gefunden, aber noch nicht den richtigen Platz.“

Der Brief, der alles ändert

Das ändert sich, als der Mann einer guten Freundin der Familie mit 40 Jahren stirbt. Die minderjährige Tochter trifft der Verlust ihres Vaters hart. Liebelt schreibt ihr damals einen Brief. Sie schreibt, dass sie mit ihr trauert und dass sie verstehen kann, dass sie böse auf ihren Vater ist, dass er nicht weitergekämpft hat – dass sie das auch so empfinden darf. Dass sie diese widersprüchlichen Gefühle der Trauer, der Hilflosigkeit und der Wut und des schlechten Gewissens haben darf. Und auch, dass sie versteht, was es heißt, hilflos vor so einer Situation zu stehen.

Für das Mädchen wird der Brief wichtig in der Bewältigung ihrer Trauer. Aber auch für Liebelt ändert der Brief alles. Sie versteht plötzlich, dass all das, was sie im Leben erlebt hat, ihr hilft, die Schicksale von anderen nachzuvollziehen und zu helfen.

In der Folge beginnt Liebelt, sich zu engagieren. Im Elternbeirat der Schule und des Kindergartens setzt sie sich für die Chancengleichheit in der Bildung ein. Für Liebelt nicht nur eine Phrase. Sie erzählt, wie eine Friseurin sie ansprach, weil ihr Sohn keine Gymnasialempfehlung bekommen sollte. Die Begründung: „Sie sind alleinerziehend und Friseurin.“ – „Da bin ich so wütend geworden und habe die Mutter ermutigt, ihren Sohn in seiner Entscheidung auch gegen die Empfehlung der Schule zu unterstützen. Ich habe mich für diese Familie eingesetzt.“

In den Landtag

Für Liebelt ist der Weg in den Landtag nach Jahren des Engagements vor Ort der logische Weg. „Ich verstehe, welche Bedürfnisse kranke Menschen und ihre Familien in unterschiedlichen Lebenssituationen und nach Schicksalsschlägen haben, ich verstehe, was es heißt, sich auf dem Arbeitsmarkt neu zu orientieren, ich verstehe, was es heißt, sich immer wieder neu aufrappeln zu müssen. Ob das möglich ist oder nicht, hängt nicht nur an einem selbst, sondern auch an den Rahmenbedingungen. Und über diesen Rahmen entscheidet das Land.“

Ich schaue Liebelt an, diese freundlich-sympathische Frau, die gerne lacht und dennoch diese tiefe Ernsthaftigkeit mit sich bringt und denke, „Ich glaube, jemand mit ihrer Geschichte sollte über die richtigen Rahmenbedingungen entscheiden.“